Von:
Matthias Biber

e-grenzen.de

Zunächst haben sich alle gefreut. „Wir bekommen eine neue Kollegin!“ Sie wird sich um gehörlose und hörgeschädigte junge Menschen kümmern. „Wir“ sind eine Einrichtung für Jugendliche. Doch gehörlose Jugendliche sind bisher außen vor. Darum waren wir mächtig stolz, eine neue Stelle einzurichten.

Doch als die „Neue“ zu arbeiten beginnt, sind wir vor Herausforderungen gestellt, mit denen wir nicht gerechnet haben. Unsere neue Mitarbeiterin kann nämlich nicht hören und nicht so sprechen, wie wir es gewohnt sind. Schon bei der Einarbeitung stieß ich bei der Verständigung an meine eigenen Grenzen.

Der Grenzstreifen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung, zwischen Kranken und Gesunden, zwischen Starken und Schwachen, zwischen Hörenden und Nicht-Hörenden geht plötzlich mitten durch unsere Dienststelle: In Person unserer Kollegin sitzt er bei einer Besprechung und steht neben uns an der Kaffeemaschine. Will ich sie ansprechen, muss ich ihr die Hand auf die Schulter legen. Es braucht die direkte Begegnung und Berührung. Diese innere Grenze muss erst einmal überwunden werden.

Die nötige Betriebsamkeit des Alltags hat uns gezwungen, immer wieder an diese Grenze heranzugehen. Das hat wunderbare Auswirkungen. In unserer täglichen Arbeit beginnt sich etwas zu verändern. Unsere eigene Haltung gerät in Bewegung. Wir erleben, dass es Menschen gibt, die nichts hören und auch nicht sprechen können. Wir müssen es akzeptieren: Nichthören und Nichtsprechen gehört zur Welt.

Ich habe inzwischen das Fingeralphabet neben der Telefonliste am Schreibtisch liegen und kann das Vater-Unser mit Gebärden „sprechen“. Wir haben mit allen Mitarbeitenden erste Schulungen gemacht und uns einer neuen Erfahrungswelt angenähert. Es ist anstrengend und braucht Kraft. Aber es ist eine kostbare gemeinsame Erfahrung. Sicher ist es unser Glück, dass wir ein so sinnfälliges Beispiel erleben dürfen, das uns „die Ohren“ geöffnet hat.

Aber es ist übertragbar auf alle Bereiche des Lebens, die an der Grenze unserer „normalen Gesellschaft“ stehen, an der Grenze zwischen Leben und Tod, zwischen Menschen mit und ohne Behinderung, zwischen Erfolgsmenschen und denen, die den Ansprüchen, die an sie gestellt werden, nicht gerecht werden.

Mir ist durch unsere neue Kollegin der Auftrag von uns Christenmenschen deutlich geworden: Dass wir gerade an den Grenzen, die uns dieses Leben zumutet, genauer hinsehen müssen. Denn sonst übersehen wir einen großen Teil von Gottes geliebten Kindern und begrenzen seine grenzenlose Liebe.

Jesus heilt Menschen, indem er sie in die Gemeinschaft hereinholt. Der Aussätzige, die Sünderin, der Besessene und der Blinde werden in die Mitte gestellt. Und jedes Mal werden diese Grenzgänger für die „Insider“ zu einer „Grenzerfahrung“. Zu einer heilsamen.

Mut und Kraft braucht es dazu allerdings. Doch mit einem Gott im Rücken, der auch mich grenzenlos liebt, habe ich davor keine Angst.